Artwork SuperheldArtwork Frau mit Pusteblume
Helga Kotthoff lachend an einem Rederpult
Quelle: Prof. Kotthoff Vorlesung lachend_kleiner

Lachen von Kindern lernen

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Wenn Erwachsene doch nur so einfach lachen könnten wie Kinder. Seit dem Bekanntwerden der heilsamen Wirkung des Lachens auf Körper und Geist gibt es Seminare mit dem Titel „Lachen ohne Grund“ oder Kurse für „Lachyoga“. Am Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Universität Freiburg lehrt Humorforscherin Prof. Dr. Helga Kotthof zu Themen wie „Lachen“ und „Scherzkommunikation“. Auf dem Titelfoto ist sie bei einer Vorlesung zu sehen, selbstredend lachend.

Junge und Mädchen umarmt lachen

Von Kindern lernen

Von Helga Kotthoff erfahren wir Redakteur*innen von DAS STADTMAGAZIN, was wir von Kindern lernen können und wie Kinder ihren Humor überhaupt entwickeln. Und das macht richtig Spaß! Kinder haben weder Lachyoga noch Seminare nötig, denn sie lachen sowieso gern und oft. Sie lachen durchschnittlich rund 400 Mal am Tag. Verglichen mit Erwachsenen ist das viel, denn Erwachsene bringen es im Schnitt auf 15 Mal täglich. Damit lachen Kinder mehr als 26 Mal häufiger als Erwachsene. Alle Achtung!

Quelle: Stormy All
Paar lacht zusammen und berührt sich dabei

Dabei soll es für Körper und Geist doch so gesund sein. Konkret: Zwei Minuten zu lachen soll genauso viel Gutes für den Körper bewirken, wie zwanzig Minuten zu joggen. Warum ist das so? Mehr als hundert Muskeln werden beim Lachen beansprucht. Der Atem geht tiefer, die Bronchien werden durchlüftet, Herz und Kreislauf kommen in Schwung, die Stresshormonproduktion wird blockiert und Glückshormone werden ausgeschüttet.

Quelle: Anna Tarazevich
Weiß gekleidete Familie am Essenstisch

Erwachsene tun also gut daran, wenn sie sich vom Lachen ihrer Kinder anstecken lassen. Aber nicht nur aus eigenem Interesse ist das wichtig. Wer mit seinen Kindern lacht, bestätigt seinen Nachwuchs in einer wichtigen Erfahrung: Dass es ihm nämlich gelingt, positive Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, lachen zu provozieren und Freude zu verbreiten. Wenn andere mit lachen, ist dies der erste Erfolg für ein Kind, eine Pointe zu landen. So etwas steigert die eigene Freude und macht selbstbewusst.

Quelle: Elina Fairytale

Kinder treiben gern Schabernack, verdrehen Worte, kichern und witzeln herum. Sie produzieren unterschiedliche Arten von Witz und Komik. Nicht immer verstehen Erwachsene, warum und worüber Kinder sich gerade amüsieren. Professor Helga Kotthoff hat beobachtet, dass Kinder schon im Alter von etwa einem Jahr gelungene Täuschungsmanöver amüsant finden. Das geht so: Eine Erwartung wird hervorgerufen, prompt enttäuscht und umgeleitet.

Wie der Babyhumor funktioniert

Ein Beispiel. Die Familie sitzt zum Nachmittagskaffee am Tisch und ist Kuchen und Obst. Marie schiebt ein Stück Banane auf Tante Elses Mund zu. Tante Else macht in Erwartung der Fütterung den Mund auf und bewegt sich leicht dem Bananenstückchen in Maries Hand entgegen. In diesem Moment zieht aber Marie das Bananenstück weg und schiebt es in den eigenen Mund. Sie amüsiert sich köstlich. Wenn Tante Else jetzt gekonnt die Empörte spielt und Marie ein großes Hallo am Tisch erntet, kann sie sich am Gelingen ihres Manövers freuen und einen offensichtlichen Konversations-Erfolg verbuchen. Sie ist der Mittelpunkt der ganzen Tischrunde. Kinder merken nicht nur, wie Scherze gelingen, sondern auch, dass Scherzen etwas Positives ist.

Kleines Mädchen lacht in die Kamera
Quelle: Marko Tuokko

Scherz und Witz versetzen einen ins Zentrum der Aufmerksamkeit und bereiten anderen Freude.

Professorin Helga Kotthoff
Artwork Superheldinnen

Schon vor der Vollendung des ersten Lebensjahres geht das Necken und Aufziehen los. Schon da kann ein Kind einen echten Kampf von einem gespielten Kampf unterscheiden. Etwa mit zehn Monaten beginnt der Spaß an schlichten Übereinstimmungsfehlern. Kinder können sich ausschütten vor Lachen, weil Mutter oder Vater auf dem Boden herumkrabbeln. Sind Eltern nicht normalerweise auf zwei Beinen unterwegs und der Wauwau auf vieren? Diese Durchkreuzung von Wauwau und Mama oder Papa finden Kinder sehr lustig.

Quelle: Pixabay

Einjährige realisieren schon wesentlich mehr als die Freude an einer fehlenden Übereinstimmung, die man auch als Brechung der Normalität bezeichnen könnte. Macht diese Brechung bei Kindern bis fünf Jahren noch den Hauptgrund des Spaßes aus, tritt zunehmend der Spaß hinzu, dass ein unerwarteter Sinn hergestellt wird. Die Phasen überschneiden sich. Etwa ab fünf Jahren spielen Kinder mit Sprache, verdrehen Silben, setzen immer gleiche Vokale ein, machen Lautspiele, drücken pure Freude am Klang aus.

Quelle: Aleksandr Balandin

Witzfragen erfreuen sich großer Beliebtheit: „Was ist orange und wandert gerne? Eine Wandarine“. Kinder, die gerade die Gesetze der stabilen Menge gelernt hatten, können sich besonders über diesen Witz freuen: „Kommt ein Mann in die Pizzeria und bestellt eine Pizza. Der Kellner fragt: „Soll ich sie in acht oder sechs Stücke schneiden?“ Sagt der Mann: „Oh, bitte in sechs. Acht schaffe ich nicht.“ Der Spaß ist immer dann am größten, wenn der Witz gerade dem neuen kognitiven Niveau entspricht, resümiert Professor Helga Kotthoff.

Um das Alter von sechs Jahren herum beginnt das Erzählen von Standardwitzen. Zunächst sind es Rätselwitze, bestehend aus einfachen Frage-Antwort-Mustern, die oft absurd sind: „Was ist rot und hat Streifen? Eine Tomate mit Hosenträgern.“ Danach nehmen narrative Formen zu und werden immer komplexer. Zwischen fünf und sieben Jahren lernen Kinder den Pointenaufbau, die Fähigkeit, mit Indirektheit und Anspielungen umzugehen. Sechs- bis Siebenjährige lieben es, im Witz schmutzige Wörter aussprechen zu dürfen, die sie den Figuren in den Mund legen können. Es ist das Stadium der Pippi-, Popo- und Kackawitze. Doch auch schon im Vorschulalter spielen sie mit ‚verbotenen‘ Wörter herum. Oder was um Himmels Willen ist ein Popopimmel?

Quelle: Savannah Dematteo

„Selbstverständlich haben humoristische Vorlieben nichts mit dem biologischen Geschlecht von Mann und Frau zu tun,“ sagt Prof. Helga Kotthoff, „sondern mit ihrem unterschiedlichen Leben und dem, womit sie in der Gesellschaft auf Anerkennung beziehungsweise Ablehnung stoßen.“ Humor will praktiziert sein. Und die Gesellschaft begegnet Kindern zunächst in Gestalt von uns Eltern, Lehrern oder in Form von anderen Kindern, die den Humor mit ihren Reaktionen formen.

Man hält sich vor lachen die Augen zu
Quelle: Jonathon Burton

„Witzbolde kamen mit ihren Späßen in den 70er und 80er Jahren besser an,“ so Prof. Kotthoff, „also baute der kleine Witzbold in unterschiedlichen Situationen sein Talent weiter aus – und die Witzboldin gab sich nur im kleinen Kreis als solche zu erkennen und spezialisierte sich auf die Humorarten, die wohlwollende Rezeption wahrscheinlicher machten. Aber wie gesagt, diese Unterschiede scheinen zu verschwinden. Eltern lachen offenbar inzwischen ebenso herzlich über die Scherze ihrer Jungen wie die ihrer Mädchen, auch wenn es derbe Witze sind.“  

Professorin Helga Kotthoff
Artwork Frau mit Tasse

In diesem Sinne erinnern wir von DAS STADTMAGAZIN euch gern noch einmal daran, dass lachen Spaß macht, gesund ist und positive Aufmerksamkeit bringt. Auch den Erwachsenen. Also los, geht und amüsiert euch!

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